Kapitel IX
Die Zykloide
Wie Europas beste Mathematiker über einen Nagel am Rad stritten
MDCLVIII
„Die Roulette ist eine so gewöhnliche Linie, dass man nach der Geraden und dem Kreis keiner häufiger begegnet; und sie zeichnet sich so oft vor aller Augen, dass man sich wundern muss, dass die Alten sie gar nicht betrachtet haben.“
Blaise Pascal, Histoire de la roulette, Paris 1658 (übers.)
Frage
Ein Nagel am Rad zeichnet eine Kurve. Wie groß ist die Fläche darunter?
Um 1628 stellte der Pariser Mönch Marin Mersenne seinen Freunden eine Frage, die harmlos aussah. Wenn ein Rad über die Straße rollt, beschreibt ein Nagel in seinem Umfang Bögen in der Luft. Wie groß ist die Fläche unter einem solchen Bogen? Und was für eine Kurve ist das überhaupt?
Mersenne war der Knotenpunkt, über den die Korrespondenz des ganzen wissenschaftlichen Europa lief. Sein Netz von Briefpartnern können Sie sich auf der Karte in Kapitel VIII ansehen. Die Frage nach dem Rad verbreitete sich über dieses Netz in alle Richtungen, und dreißig Jahre später war daraus einer der berühmtesten Gelehrtenstreite des 17. Jahrhunderts geworden. Deshalb nannte man die Kurve bald die Helena der Geometer: Wie die schöne Helena von Troja entzweite sie die Besten.
§Wer stritt
- Marin Mersenne1588–1648 · Organisator des Streits
- Gilles P. de Roberval1602–1675 · Fläche und Tangente
- René Descartes1596–1650 · Tangente
- Pierre de Fermat1601–1665 · Tangente, Länge
- Christopher Wren1632–1723 · Länge
- Blaise Pascal1623–1662 · Chronist und Herausforderer
§Fragen des 17. Jahrhunderts
Ein Klick auf eine Frage führt direkt zur Antwort.
- Was ist die Roulette?
- Wenn eine Kurve geometrisch gegeben ist, wie findet man ihre Gleichungen?
- Wie groß ist die von dieser Kurve begrenzte Fläche?
- Was ist die Tangente an diese Kurve in einem gegebenen Punkt, und wie bestimmt man sie? (Fragen 4 und 5)
- Wie lang ist diese Kurve?
- Was lässt sich über den Schwerpunkt der von dieser Kurve begrenzten Figur sagen?
Académie Mersenne · Paris, um 1628
ein erdachter ChatEin erdachter Chat, frei nach der Korrespondenz der Zeit.
Kurve
Was ein Nagel am Rad zeichnet
Frage 1Was ist die Roulette?
Auf Französisch heißt roue Rad, und die Endung -ette bezeichnet etwas Kleines; roulette ist also ein „Rädchen“. Pascal schrieb, diese Kurve sei „nichts anderes als der Weg, den ein Nagel an einem Rad zurücklegt, wenn sich das Rad auf gewöhnliche Weise dreht“.
Griechisch kyklos ist der Kreis und eidos die Gestalt. Die Zykloide ist die Bahn eines Punktes auf dem Umfang eines Kreises, der ohne zu gleiten auf einer Geraden abrollt.
Pascals Nagel
Regler verschiebenDer rote Punkt ist „Pascals Nagel“. Das Rad dreht sich einmal, und der Nagel zeichnet einen Bogen der Zykloide. Animation nach: Bibliothèques Clermont Métropole, La cycloïde ou roulette.
§Die Familie der Rollkurven
Allgemein ist eine Roulette jede Kurve, die ein Punkt beschreibt, der fest mit einer Kurve (meist einem Kreis) verbunden ist, die ohne zu gleiten auf einer anderen Kurve abrollt. Die Zykloide ist nur das einfachste Mitglied einer großen Familie. Liegt der Punkt weiter vom Mittelpunkt entfernt als der Radius, beschreibt er eine verschlungene Zykloide mit Schleifen. Liegt er näher, beschreibt er eine gestreckte Zykloide, eine Welle ohne Spitzen.
Wo sitzt der Nagel?
gewöhnliche ZykloideFrage 2Wenn eine Kurve geometrisch gegeben ist, wie findet man ihre Gleichungen?
Dreht sich ein Kreis mit dem Radius R um den Winkel θ, legt sein Mittelpunkt genau die Länge des abgerollten Bogens zurück, also Rθ. Der Punkt auf dem Umfang ist gegenüber dem Mittelpunkt um denselben Winkel gedreht. Addiert man beide Bewegungen, erhält man:
x(θ) = R(θ − sin θ), y(θ) = R(1 − cos θ).
Roberval sah darin eine Zusammensetzung zweier Bewegungen: die gleichförmige Verschiebung des Mittelpunkts (grün) und die Drehung, deren senkrechte Projektion eine Sinuskurve zeichnet (blau). Ihre Summe ist die Zykloide.
Streit
Fläche, Tangente und Länge: drei Aufgaben, drei Streitfälle
Frage 3Wie groß ist die von dieser Kurve begrenzte Fläche?
Gilles Personne de Roberval
1602–1675 · Professor am Collège Royal
1634 erhielt er den Ramus-Lehrstuhl am Collège Royal, eine Stelle, die alle drei Jahre in einem öffentlichen Wettbewerb verteidigt werden musste. Deshalb hielt er seine Methoden geheim. Sein Vorgehen ist in Aufzeichnungen erhalten, die der Abbé Gallois 1693 herausgab: Observations sur la composition des mouvements…
1Die Begleitkurve
Vom Punkt P der Zykloide ziehen wir eine waagerechte Gerade p und vom Mittelpunkt des Kreises eine senkrechte Gerade q. Ihr Schnittpunkt Q zeichnet beim Abrollen die Begleitkurve der Zykloide, die Sinuskurve y = R(1 − cos x/R). Beide Kurven sind durch dieselbe Bewegung verbunden.
Die Zykloide und ihre Begleitkurve
Regler verschiebenZykloide Begleitkurve (Sinuskurve) Verschiebung des Mittelpunkts Geraden p, q
2Schnurrbart und Hut
Die Begleitkurve teilt die Fläche unter einem Zykloidenbogen in zwei Teile: den „Hut“ unter der Sinuskurve und den „Schnurrbart“, also zwei Tropfen zwischen Sinuskurve und Zykloide. Teilen wir das Rechteck 2πR × 2R senkrecht in zwei Hälften. Die Sinuskurve ist punktsymmetrisch zum Mittelpunkt jeder Hälfte und halbiert deshalb jede von ihnen. Der Hut nimmt also genau die Hälfte des Rechtecks ein:
Hut = 12 · 2πR · 2R = 2πR2 = Fläche zweier Kreise.
Noch anschaulicher ist dieser Kniff: Den Hut kann man zu einem Dreieck umschneiden. Die Sinuskurve geht durch die Mittelpunkte der Schenkel des Dreiecks mit der Grundseite 2πR und der Höhe 2R und ist punktsymmetrisch zu ihnen. Das Stück des Hutes, das über einen Schenkel hinausragt, passt nach einer Drehung um 180° um den Mittelpunkt des Schenkels genau in die Lücke an der Grundseite.
Hut = Dreieck
Stücke drehenHut = Dreieck = ½ · 2πR · 2R = 2πR2. Idee übernommen von: Bibliothèques Clermont Métropole.
3Die Methode der Indivisiblen
In jeder Höhe y ist die waagerechte Strecke im Tropfen genau so lang wie die halbe Sehne des rollenden Kreises, nämlich R sin θ. Nach dem Prinzip von Cavalieri haben die Tropfen also denselben Flächeninhalt wie ein Halbkreis: Beide Tropfen zusammen ergeben einen Kreis.
Cavalieris Schnitte
Höhe verschiebenRote Strecken: links im Halbkreis, rechts im Tropfen. In jeder Höhe sind sie gleich lang.
Das Ergebnis. Hut + Schnurrbart = 2πR2 + πR2. Die Fläche unter einem Zykloidenbogen beträgt 3πR2, genau das Dreifache des rollenden Kreises. Galilei kam mit seiner Waage sehr nahe heran, glaubte aber selbst nicht, dass das Verhältnis genau 3 sein könnte. Roberval gab der Kurve den Namen Trochoide.
Heute genügt ein einziges Integral:
∫02πR y dx = R2 ∫02π (1 − cos θ)2 dθ = 3πR2.
Roberval schaffte es jedoch ohne Integralrechnung und schrieb das Ergebnis stolz an Descartes.
Fragen 4 und 5Was ist die Tangente an diese Kurve in einem gegebenen Punkt? Wie bestimmt man sie?
Roberval verstand die Tangente als Richtung der augenblicklichen Bewegung. Ein Punkt der Zykloide führt zwei Bewegungen zugleich aus: die waagerechte Verschiebung des Mittelpunkts (grüner Vektor) und die Drehung auf dem Kreis (oranger Vektor, tangential zum Kreis). Beim Rollen ohne Gleiten sind beide gleich groß. Die Diagonale des Parallelogramms, das sie bilden, ist die Richtung der Tangente.
René Descartes antwortet
Brief an Mersenne, 23. August 1638
Descartes glaubte Robervals Ergebnis über die Fläche zunächst nicht, dann nannte er es leicht und schickte eine eigene Konstruktion der Tangente. Seine Idee: Der rollende Kreis dreht sich in jedem Augenblick um den Berührpunkt D mit der Unterlage. Der Punkt B bewegt sich deshalb senkrecht zur Verbindungsstrecke BD; sie ist die Normale, und die Tangente steht senkrecht auf ihr. Und weil der Winkel über dem Durchmesser ein rechter ist (Satz des Thales), geht die Tangente durch den höchsten Punkt T des Kreises.
Zwei Wege zur selben Tangente
Regler verschiebenVerschiebung Drehung Tangente Normale BD
Mersenne ↔ Descartes · 1638
ein erdachter ChatEin erdachter Chat, frei nach der Korrespondenz der Zeit.
Nach und nach schalteten sich Fermat, Beaugrand und Galileis Schüler Torricelli in den Streit ein. Als Torricelli 1644 die Berechnung der Fläche veröffentlichte, brach ein Skandal um die Priorität aus: Roberval warf ihm vor, das Ergebnis aus den Pariser Briefen übernommen zu haben. Die Konstruktion können Sie auch in GeoGebra: Descartes’ Tangente ↗ ausprobieren.
Frage 6Wie lang ist diese Kurve?
Christopher Wren
1632–1723 · Astronom und Architekt, 1658
Heute kennen wir ihn als Architekten der St Paul’s Cathedral in London. 1658 war er aber ein junger Astronom und bestimmte als Erster die Länge eines Zykloidenbogens.
Die Idee: Statt eines Kreises lassen wir ein regelmäßiges n-Eck abrollen. Seine Ecke beschreibt dann eine Kurve aus Kreisbögen. Jeder Bogen ist eine Drehung um eine Ecke um den Winkel 2π/n, mit einem Radius gleich der Sehne 2 sin(kπ/n) (für R = 1). Die Länge eines Bogens ist Radius mal Winkel, also
Ln = n−1Σk=1 2 sin kπn · 2πn.
Das rollende Vieleck
Seiten hinzufügenDie graue gestrichelte Kurve ist die Zykloide. Weitere Rollkurven finden Sie in GeoGebra: rollende Vielecke ↗.
Mit der Lagrange-Identität für eine Summe von Sinuswerten erhalten wir Ln = 4πn · cot π2n und im Grenzwert
L∞ = limn→∞ 8 · π/2ntan(π/2n) = 8.
Ein Zykloidenbogen ist 8R lang, also das Vierfache des Durchmessers des rollenden Kreises. Und dazu rational, ohne π! Wren gab das Ergebnis als Erster an; Beweise lieferten auch Fermat und Roberval.
Herausforderung
Pascal setzt einen Preis aus
Frage 7Was lässt sich über den Schwerpunkt der von dieser Kurve begrenzten Figur sagen?
Blaise Pascal
1623–1662 · alias Amos Dettonville
„Nous en demandons instamment la solution aux géomètres les plus illustres de l’univers…“A. Dettonville (alias Pascal), Juni 1658
Im Juni 1658 setzte Pascal unter einem Pseudonym einen Preis aus für Aufgaben über Schwerpunkte, Volumina und Oberflächen der Körper, die durch Drehung der Zykloide entstehen, und über die Längen allgemeiner (verschlungener und gestreckter) Zykloiden. Einsendeschluss war der 1. Oktober 1658. Lösungen schickten John Wallis und der Jesuit Antoine de Lalouvère, aber Pascal erkannte sie nicht an, und niemand bekam den Preis. Noch im selben Jahr veröffentlichte er die Histoire de la roulette, in der er den ganzen dreißigjährigen Streit auf seine Weise darstellte.
A. Dettonvilles Herausforderung · Juni–Oktober 1658
ein erdachter ChatEin erdachter Chat, frei nach der Korrespondenz der Zeit.
§Die Zykloide kehrt zurück
- 1599Galilei untersucht die Kurve und gibt ihr den Namen Zykloide
- 1634Roberval: Fläche 3πR2, Tangente durch Zusammensetzung der Bewegungen
- 1638Descartes und Fermat: die Tangente
- 1644Torricelli veröffentlicht die Fläche, Streit um die Priorität
- 1658Pascals Herausforderung; Wren: Länge 8R
- 1673Huygens: Ein Zykloidenpendel schwingt bei jedem Ausschlag gleich lange (Tautochrone)
- 1696Johann Bernoulli fragt, auf welcher Kurve eine Kugel am schnellsten hinabgleitet (Brachistochrone). Lösungen lieferten Jakob Bernoulli, Newton, Leibniz und l’Hospital. Die Antwort? Wieder die Zykloide.
❦Und du? Hast du einen Beweis?
1658 wartete ein Preis auf den, der Pascals Aufgaben löste. Jetzt fordern wir dich heraus. Versuche zuerst, die Aufgabe zu lösen, und öffne erst dann den Hinweis.
Schwerpunkt – wo liegt der Schwerpunkt der Fläche unter einem Bogen?
x̄ = πR folgt aus der Symmetrie. Für ȳ berechne 13πR2 ∫ y22 dx mit dx = R(1 − cos θ) dθ.
Ergebnis: ȳ = 56R.
Volumen – der Körper, der durch Drehung der Fläche um die Grundlinie entsteht
V = π ∫ y2 dx = πR3 ∫02π (1 − cos θ)3 dθ.
Ergebnis: V = 5π2R3.
Oberfläche – die Fläche, die der Bogen bei Drehung um die Grundlinie überstreicht
S = 2π ∫ y ds, wobei ds = 2R sin θ2 dθ und 1 − cos θ = 2 sin2 θ2.
Ergebnis: S = 643πR2.
Länge einer allgemeinen Zykloide – ein Punkt im Abstand d vom Mittelpunkt
L = ∫02π √(R2 + d2 − 2Rd cos θ) dθ. Dieses Integral lässt sich nicht elementar ausdrücken.
Pascal zeigte aber, dass die Länge gleich dem Umfang einer Ellipse mit den Halbachsen R + d und |R − d| ist.
EIN ZYKLOIDENBOGEN
Fläche = 3πR2
Länge = 8R
Drei Kreise unter dem Bogen, vier Durchmesser entlang.
Quellen. PASCAL, Blaise. Histoire de la roulette, appelée autrement la trochoïde ou la cycloïde. Paris, 1658. Gallica, BnF. · DELEHAM, Philippe; PENIN, Jean Claude. Histoires & Tangentes. IREM, Université de Reims Champagne-Ardenne, 1994. · TANNERY, Paul; DE WAARD, Cornelis (Hrsg.). Correspondance du P. Marin Mersenne. Paris: CNRS. · PACLT, Jan. Vybrané úlohy z diferenciální geometrie (tschechisch). · National Curve Bank; Cykloidy (Tschechische Physikolympiade); Bibliothèques Clermont Métropole, La cycloïde ou roulette.
ENDE DES NEUNTEN KAPITELS
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